Neues und Historisches

Moderne Technik für hundertjähriges Haus

Moderne Technik für hundertjähriges Haus

i 16. November von U. Beyer

Was ist das für ein geheimnisvolles, imposantes Gebäude in der Ingolstädter Straße? Ein Verstärkeramt soll es gewesen sein. Was war das überhaupt? Was verbirgt sich heute hinter den soliden Mauern? Was haben die neuen Eigentümer Norbert und Bernhard Averbeck-Kellner daraus gemacht? Das erfuhr der Heimat- und Kulturkreis bei einem Besuch.
1924/25 erbaut die Deutsche Reichspost in der Ingolstädter Straße Pfaffenhofen ein Verstärkeramt. Eine Relaisstation sollte hier die Telefon- und Radiosignale zur Weiterleitung nach München verstärken. Neben Büros und Amtszimmern umfasste das Gebäude auch preisgünstige Dienstwohnungen für Postangestellte. 1963, als der Kalte Krieg (1945 - 1991) einen Höhepunkt erreichte, baute die Bundespost im Garten sogar einen Bunker, um dort für den Ernstfall die Geräte in Sicherheit zu bringen.

Architektonisch gehört das Gebäude zur Bauhaus-Phase in Bayern, genauer zur sogenannten "Postbauschule". Dies war keine eigentliche Schule oder Akademie, sondern nur die enge Zusammenarbeit von Architekten in der Bauabteilung der bayerischen Oberpostdirektionen. Einer davon war Franz Holzhammer, der das Verstärkeramt entwarf.
Die Postbauschule orientierte sich zwar am Bauhausstil, war jedoch weniger experimentell. Ihre Gebäude sind einerseits nüchtern und zweckmäßig, orientieren sich aber andererseits auch an den Bautraditionen der Umgebung. So greift das Verstärkeramt statt Flachdach und großen Fensterflächen das in Pfaffenhofen beliebte Walmdach und die ortsüblichen Sprossenfenster mit Fensterläden auf.
Für die tonnenschweren Geräte im fast vier Meter hohen Verstärkersaal, der von außen an den hohen Fenstern zu erkennen ist, bedurfte es auch verstärkter Böden aus 30 cm dickem Beton. Im Lauf der Jahre hatten sich darauf sieben Schichten Fußbodenbeläge über dem originalen Fischgrätparkett angesammelt. Nach dem Vorbild einer originalen Türe, die sich auf dem Dachboden befand, wurden die neuen geschreinert. Auch die Türgriffe und Lichtschalter orientieren sich an den Formen und Materialien der 1920-er Jahre. Abgerundete Wandkanten lassen das einfallende Tageslicht milder erscheinen durch den weicheren Schattenwurf.

Wie wird das Gebäude heute genutzt? Es umfasst heute Privatwohnungen und im Erdgeschoß arbeitet der Kreisjugendring. Der ehemalige Verstärkersaal mit den hohen Fenstern ist heute das Wohnzimmer der neuen Eigentümer. Gerne veranstalten sie in diesen großzügigen Raum kleine Konzerte oder Vorträge für bis zu 40 Personen.
Trotz seines Alters von fast 100 Jahren ist das Gebäude energetisch auf dem neuesten Stand. Die 50 cm dicken Mauern machen eine zusätzliche Isolierung überflüssig. Das Haus ist an das Fernwärmenetz angeschlossen und besitzt teils Fußbodenheizung teils Heizkörper. Eine unsichtbare und vor allem unhörbare Lüftungsanlage saugt ständig Frischluft an und befördert verbrauchte Luft nach draußen. Sensoren reagieren sofort auf Feuchtigkeit und Gerüche, so dass z. B. im Bad kein Spiegel anläuft und selbst beim Kochen kein Fenster geöffnet werden muss. So bleiben Lärm, Mücken und Staub draußen, aber die Wärme drin.

Dem Stadtbild von Pfaffenhofen würde es sehr gut tun, wenn öfter alte, charakteristische Gebäude renoviert und modernisiert statt abgerissen und durch gesichtslose Neubauten ersetzt würden. Möglich ist es, wie man sieht.


Quellen neben den Auskünften der Eigentümer:
Albert Herchenbach: Mit dem Schlagbohrer wachgeküsst. PK 30.3. 2020
Jean Molitor / Katja Voss: Bauhaus in Bayern.. Eine fotografische Reise durch die Klassische Moderne. Berlin-Brandenburg 2021
Heinrich Streidl: Häuserchronik der Stadt Pfaffenhofen a. d. Ilm. Pfaffenhofen 1982 (S. 250)

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