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Franz Rutsch - Das bewegte Leben eines Pfaffenhofeners

Franz Rutsch - Das bewegte Leben eines Pfaffenhofeners

i 22. September von U. Beyer / B. Ruckhäberle

Franz Rutsch (30.4. 1921 - 7. 12. 2010), noch heute vielen Pfaffenhofenern in Erinnerung, wuchs hier in der Kirchengasse bei seiner Großmutter auf. Seine unverheiratete Mutter lebte und arbeitete in München, zunächst als Hausangestellte, später als "Brief-Hilfsarbeiterin", und konnte sich deshalb nicht um den Jungen kümmern. Die Oma war eine sanfte Frau, die dem Jungen Heimat und Geborgenheit gab. Ihren Lebensabend verbrachte sie später im damaligen Altersheim, dem Spital. Das befand sich im Spitalkirchen-Anbau. Ihr Zimmer lag im Erdgeschoß, wo heute die Krippenfiguren der Kirche aufbewahrt werden.

Es herrschten ärmliche Verhältnisse in dem kleinen Haus in der Kirchengasse südlich der Stadtpfarrkirche. Wenn Onkel Dolf zu Besuch kam, wurde für Franz die Holzkiste unter dem Küchenherd hervorgezogen und zu seinem Bett umfunktioniert. Die Räume waren so niedrig, dass der Onkel mit der Faust gegen die Zimmerdecke schlagen konnte, wenn er in Wut geriet. Leitungswasser gab es noch nicht. Gemeinsames Singen war in der Kirchengasse eine beliebte Freizeitbeschäftigung. Der Nachbarsjunge spielte dazu die Zither.

Um etwas für den Lebensunterhalt dazuzuverdienen, ging auch die Großmutter im Sommer arbeiten, und zwar in einer Pfaffenhofener Gaststätte. Diese Zeit verbrachte ihr kleiner Enkel als sogenanntes Kostkind auf einem Landwirtschaftlichen Anwesen in Eberstetten.

Als er eingeschult wurde, bestand seine Klasse an der Knabenschule aus etwa 50 Buben. Er ging gerne in die Schule und seine Aufsätze gehörten zu den besten.
Mit etwa 10 Jahren wollte er- wie einer seiner Freunde, Ministrant werden, wurde aber abgelehnt, weil er "keinen Vater hatte". (Uneheliche Geburt galt damals noch als unehrenhaft.) Zu den Spielkameraden gehörten natürlich auch die Kinder der Bäckerei Schäch an der Einmündung der Kirchgasse in die Scheyerer Straße. Der Schäch-Vater erzählte meistens mit Begeisterung vom Ersten Weitkrieg, den Franz selbst dann später "lange nicht so schön" erlebte.

Nachdem er seine Schulpflicht absolviert hatte, begann er eine Kaufmannslehre in der Bäckerei Bergmeister am Hauptplatz. Dort durfte er auch - wie alle Lehrlinge damals - essen und schlafen. Er liebte es unter anderem, als Aushilfe mit dem Fahrrad die Semmeln auszufahren. Seine Kaufmannsgehilfenprüfung legte er "summa cum laude" ab.

Weiter erzählt er in seinen handschriftlichen Erinnerungen: "Weil ein 'Unterstift' nachgewachsen war und weil ich damals noch glaubte, daß das Vaterland ohne mich nicht auskommen könne, meldete ich mich zusammen mit drei Schulkameraden kriegsfreiwillig zur Infanterie. Wenn schon, dann gleich richtig, sagten wir uns damals. Mit von der Partie waren die Schulfreunde Franz Weber (wir waren bis "ins" Rußland beisammen), Ludwig Bachthaler, Sepp Köpf und mein bester Freund Rüdiger Holzmann. Alle jung und idealistisch, hatten wir geglaubt, für das Vaterland "richtig" kämpfen zu müssen. Ich hatte noch Glück, daß es mich in Rußland bald, noch auf dem Vormarsch zwischen Dnjepr und Don erwischte. Eine auf dem Auswurf unseres Schützenlochs einschlagende Granate tötete am 9. 9. 1943 meinen 'Loch-Kameraden' … (nachdem wir kurz vorher die Stellung wechselten) und verwundete mich …"
Die Granate riss ihm ein Stück des Unterkiefers weg. Verwundet lief er so lange, bis ihn eine Lastwagenbesatzung auflas und er in Ohnmacht fiel. Zwei Jahre verbrachte er in einem Kiefer-Spezial-Lazarett in Tübingen und wurde schließlich als "zeitlich dienstuntauglich" entlassen.

Da seine Arbeitsstelle beim Bergmeister inzwischen vergeben war, vermittelte ihn sein alter Chef an die Sparkasse, wo er sich aber nicht sehr wohl fühlte, auch weil Unterkunft und Verpflegung zu wünschen übrig ließen. Er wohnte zur Untermiete und speiste auf Essens-Marken beim Bortenschlager. Dort traf er einen Leidensgenossen, den der Krieg einen Arm gekostet hatte. Dieser war Kreisobmann der Deutschen Arbeitsfront und überredete Franz, bei ihm zu arbeiten. Obwohl die baldige Kriegsniederlage zu erwarten war und somit auch das Ende der DAF, sagte er zu, weil er damit eine Wohnung bekam, die er - als frisch verheirateter Ehemann - mit Freuden bezog. Diese "Wohnung" bestand aus zwei Zimmern auf dem Dachboden des Gesellenhauses in der Auenstraße.

Kurz nach Kriegsende herrschten in Deutschland die Besatzungsmächte, in Bayern waren es die USA. Auch im Pfaffenhofener Rathaus bestimmte die Militärregierung, unterstützt von unbelasteten Pfaffenhofenern. Auch Franz Rutsch musste die "Entnazifizierung" durchlaufen, d. h. einen umfangreichen Fragebogen über seinen Werdegang und seine politische Orientierung ausfüllen. Eine "Spruchkammer" aus Pfaffenhofener Bürgern prüfte diesen Fragebogen und teilte die überprüften ein in Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Franz Rutsch bekam das Urteil "Jugendamnestie". Er war nie Mitglied einer Parteiorganisation und hatte sich erst 1944 um Aufnahme in die NSDAP beworben, vielleicht um die Stelle bei der DAF zu bekommen. Zur eigentlichen Aufnahme in die Partei ist es offenbar nicht mehr gekommen.

Die Familie seiner Frau Bärbel, Schreinerstochter aus Bodenwöhr, unterstützte das junge Ehepaar zunächst mit Möbeln und vermittelte Franz nach Kriegsende eine Stelle beim Pfaffenhofener Brauhaus als "Hilfs-Bieraufschreiber", damit er überhaupt Lebensmittelmarken bekam. Er führte Buch über Fässer, Flaschen und Bierkisten und beaufsichtigte die Fass-Wäscherei. Dafür war er ganz offensichtlich überqualifiziert, deshalb bewarb er sich erfolgreich um die hauptamtliche Stelle eines Geschäftsführers beim Kreisjugendring. Diese Stelle erlosch jedoch nach der Währungsreform wegen Geldmangels, so dass er sich erneut um eine neue Arbeit umsehen musste. Und da er schon seit seiner Schulzeit gerne und gut schrieb, lieferte er eine Reihe von Beiträgen für das Pfaffenhofener Heimatblatt. So wurde der Donaukurier auf ihn aufmerksam, als er im Oktober 1947 für den Pfaffenhofener Lokalteil einen ständigen Mitarbeiter suchte.

An Zeitungen waren in der Region nur der Donaukurier in Ingolstadt von der Militärregierung lizensiert. Darin gab es einen recht schmalen Pfaffenhofener Lokalteil. Da im Rathaus das journalistische Interessen von Franz Rutsch bekannt war, wurde er dem Donaukurier als Lokal-Redakteur empfohlen - mit Erfolg. Von 1947 bis 1975 – hat er die Heimatzeitung als leitender Lokalredakteur maßgeblich mitgestaltet.
Am Anfang arbeiteten Franz Rutsch und ein Volontär aus Ingolstadt im Wohnzimmer der Familie in der Grabmeirstraße. Als Reporter hatte er viel mit der US-Besatzungsmacht zu tun. Der Resident-Officer mit Diplomatenstatus für die Landkreise Pfaffenhofen und Schrobenhausen war William E. Schaufele, der zwei Jahre jünger war als Franz Rutsch. Zwischen den beiden und ihren Gattinnen entwickelte sich bald eine dauerhafte internationale Freundschaft.

Nach einigen Jahren entwickelte Franz Rutsch Lungentuberkulose, was einen längeren Sanatoriumsaufenthalt in Kempfenhausen am Starnberger See erforderte. Während des neunmonatigen Aufenthalts dort bekam er sein Gehalt vom Donaukurier weiterbezahlt, was damals noch nicht selbstverständlich war. Aber er blieb während des Kuraufenthalts nicht untätig, sondern arbeitete an einem Buch über den Landkreis Pfaffenhofen, das 1964 beim Ludwig-Verlag erschien.

Der damalige Landrat war Hans Eisenmann, der Franz Rutsch in langjähriger Freundschaft verbunden war, ebenso wie sein Nachfolger Dr. Traugott Scherg. So kam es, dass Franz Rutsch vom Donaukurier ins Landratsamt überwechselte. Er wurde Geschäftsführer der Volkshochschule, die durch ihn einen ziemlichen Aufschwung nahm. Neben seinem beruflichen Engagement übte er auch das Ehrenamt des Kreisheimatpflegers aus, das ihm noch von Hans Eisenmann übertragen wurde. Bis lange nach seinem Eintritt in den Ruhestand setzte er sich leidenschaftlich für die Bewahrung des kulturellen Erbes im Landkreis ein, z. B. für die Erhaltung des barocken "Wallnerhauses" an der Ecke Auen-/Sonnenstraße, das leider trotzdem abgerissen wurde. Ein Erfolg war dagegen die Eröffnung des Joseph-Maria-Lutz-Museums im Platzlturm. Mit dem Pfaffenhofener Heimatdichter verband ihn eine jahrzehntelange enge Freundschaft.

1976 trat er dem Heimat- und Kulturkreis Pfaffenhofen bei, und engagierte sich für die Wiederbelebung des Heimatmuseums, das 1978 im Mesnerhaus wiedereröffnet wurde. Bis zu seinem Tode blieb er dem Verein und seinen Zielsetzungen treu.

Franz Rutschs vielfältige Leistungen wurden 1995 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt. Noch heute ist er bekannt als Autor von heimatkundlichen Büchern. Eindrucksvolle Bildbände, an denen er maßgeblich mitgearbeitet hat, bereichern Pfaffenhofener Bücherschränke.

Text: Ursula Beyer und Barbara Ruckhäberle, Tochter von Franz Rutsch, im September 2021)



Quellen:
Private Aufzeichnungen von Franz Rutsch:
"Lebenslauf", Pfaffenhofen, August 1953
"Meine und unsere gemeinsame Geschichte", Pfaffenhofen, Weihnachten 1999
Fragebogen des Military Government of Germany - 1947
"Stadt und Landkreis Pfaffenhofen trauern um Franz Rutsch". Pfaffenhofener Kurier 8. 12. 2010



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