Neues und Historisches

Häuser erzählen Geschichten: Café Hipp, Hauptplatz 6

Häuser erzählen Geschichten: Café Hipp, Hauptplatz 6

i 14. Dezember 2016 von U. Beyer

So wie es heute (noch) dasteht, stammt das Gebäude des Café Hipp laut Denkmalliste aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und hat seine Fassade seitdem kaum verändert. Es war immer gleichzeitig Wohnhaus, Werkstatt, Ladengeschäft und später auch Café.

Über 400 Jahre wird in diesem Haus am Hauptplatz 6 lückenlos das Handwerk des Lebzelters ausgeübt. Nur er durfte die Produkte der Biene weiter verarbeiten: Honig zu Lebzelten und Meth und Wachs zu Kerzen und Votivgaben.
Joseph Hipp kaufte 1897 dieses Haus vom Lebzelter Seidl. Er stellte 1899 - aus Sorge um die Ernährung seiner Zwillinge - erstmals das spätere Hipp Semolin her. Dazu zermahlte er getrocknete Honiglebzelten (Zwieback), mischte dieses Mehl mit Milch zu einem Brei und gab diesen als Zusatzernährung seinen Zwillingen, die prächtig gediehen. Dieses Produkt verkaufte er in seinem Laden und bracht es auch in den Handel.
1930 wurden am Hauptplatz 6 über 100.000 Packungen hergestellt und verschickt. Daraus entwickelte sich das weltweit bekannte Unternehmen, das jetzt seine Nachkommen führen.
Joseph Hipp, ein tiefreligiöser Mensch, glaubte an den Schutz der Mutter Gottes und ließ aus Dankbarkeit 1901 die bronzene Madonnenfigur an der Fassade anbringen. Den Puttenkopf darunter modellierte er selbst.

Mit der Marienfigur ist eine weitere Geschichte verbunden: In der Hitlerzeit zeigten die Geschwister Hipp Mut, indem sie sich weigerten, die Figur zu entfernen. Ebenso lehnten sie es ab, während der Fronleichnamsprozession Tische und Stühle vor dem Café aufzustellen, weil die nationalistisch Gesinnten von dort aus den Prozessionsteilnehmern hämisch zuprosten wollten. Daraufhin verbot die NSDAP ihren Mitgliedern, das Café Hipp zu besuchen.
Im Inneren wurde das Gebäude wiederholt umgebaut. Doch die sichtlich alten Holztüren und deckenbalken stammen noch aus der alten Wachszieherei. Im Museum im ersten Stock befinden sich historische Geräte zur Kerzenherstellung und uralte Model für Votivgaben und Lebzelten, deren Handhabung und Funktion Hans Hipp bei gelegentlichen Führungen anschaulich und humorvoll beschreibt.
Neu aber doch Sinnbild der Tradition des Hauses sind die Türgriffe an den Eingängen, die jeweils einen Mann und eine Frau darstellen. Diese Votivfiguren in betender Haltung werden seit über 400 Jahren aus Wachs im Hause gegossen und z. B. in der Wallfahrtskirche Niederscheyern geopfert. So drückten die Gläubigen ihre Bitte oder auch ihre Dankbarkeit für empfangene Hilfe aus. Die Türgriffe wurden nach den hauseigenen Holzformen für Votivgaben gegossen. Dazu äußert Hans Hipp: >> Wir haben Sie bewusst für diesen Zweck ausgewählt, da es für uns wichtig ist, dass unsere Gäste sich beim Öffnen der Türen mit unserer 400 Jahre alten Handwerkstradition be-"fassen" .<<
Das Gebäude ist in seiner vornehmen Schlichtheit nicht nur schön, sondern vor allem ein anschauliches, lebendiges Dokument jahrhundertealter Handwerks- und Familientradition auf dem selben Fleck. Warten wir ab, was aus den Umbauplänen wird. Kann das Haus seine alte Identität bewahren?

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